Die schleichende Emazipation des Forró

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Unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit etablierte sich über die letzten zehn Jahre ein neuer Tanz in Europa. Abseits der Standard-Tanzschulen tanzen vornehmlich junge Menschen in Universitätsstädten einen Tanz, der ursprünglich aus dem Nordosten Brasiliens stammt und sich in den 1950er Jahren in ganz Brasilien ausbreitete.

Bei diesem Kulturclash stoßen patriarchale Rollenbilder des traditionellen Forrós auf vermeintlich emanzipierte Studierende und täglich werden daraus resultierende Konflikte auf dem Tanzparkett und in breiten Disskussionen ausgetragen.

Geschichte des Forró
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts migrierten Millionen Menschen innerhalb Brasiliens vom trockenen Nordosten in Richtung der Metropolen Rio de Janeiro und São Paulo. Einer von diesen Migranten war Luiz Gonzaga, der Ende der 1940er Jahre nach Rio de Janeiro kam und gemeinsam mit Humberto Teixeira die ersten Baião-Stücke auf der Straße spielte. Forró ist eigentlich die Bezeichnung für eine Art Volksfest in ländlichen Regionen des brasilianischen Nordostens. Später wurde Forró aber auch zum Sammelbegriff für verschiedene Rhythmen aus dem Nordosten.

Die Themen klassischer Forró-Texte sind von Künstler*innen im urbanen Raum geschrieben und beziehen sich größtenteils auf die Lebensumstände im ländlichen Nordosten. Daher auch die Bezeichnung Forró „pé-de-serra“ (vom Fuß der Berge). Die frühen Autor*innen schafften es, die Themen des ländlichen Nordostens einem urbanen Publikum in den Metropolen zugänglich zu machen und gleichzeitig die Sehnsucht der ständig ankommenden Migrant*innen nach ihrer verlassenen Heimat zu bedienen.
Gemeinsam waren sowohl dem ländlichen Nordosten als auch dem urbanen Südosten das patriarchal dominierte Rollenbild von Mann und Frau. Das akzeptierte Frauenbild war die sich dem Ehemann unterordnende Hausfrau, die in ihrer Kindheit auf die Ehe vorbereitet wird und sich nicht gegen den Mann im Haus auflehnt. Diesem gesellschaftlichen Kontext entsprechen auch die Rollenbilder der Frauen, die in den Texten des Forró abgebildet wurden. Erst in den 1960er Jahren begann eine langsame Emanzipation der Frauenrolle innerhalb des Forrós. Symptomatisch dafür steht die Rainha do Xaxado (Königin des Xaxado) Marinês. Sie begann ihre Karriere Ende der 1950er Jahre an der Seite ihres Ehemanns Abidas als Teil der „Patrulha de Choque do Rei do Baião“, die mit Luiz Gonzaga auf Tour ging.
Das Aufkommen des Bossa Nova ab den 1950er Jahren und des Tropicalismo in den 1960er Jahren setzte die Forró Künstler*innen stark unter Druck und machte es für Produzent*innen immer schwieriger, erfolgreiche Schallplatten aufzunehmen und Konzerte zu füllen.

Der sogenannte Porno-Forró versuchte in den 1970er Jahren mit doppeldeutigen sexuellen Anspielungen Publikum zurück zu gewinnen. In den Texten wurden Frauen außerhalb der traditionellen Frauenbilder besungen. Allerdings wurden diese Charaktere durchaus kontrovers diskutiert; wie beispielsweise Genival Lacerdas „Severina Xique Xique“ (1975). Einerseits wurde Frauen eine deutlich aktivere Rolle in der Gesellschaft zugewiesen – andererseits wurde diese Erweiterung des Handlungsspielraums von konservativen Kräften als moralisch verwerflich zurückgewiesen. Auch Musikerinnen wie Clemilda, Maria Alcina und Marinês erzielten Erfolge mit dem doppeldeutigen Porno-Forró. Allerdings verkaufte Marinês das von ihr geschriebene Lied „Gosto de tudo grande“ („Ich mag alles was groß ist“, 1980) noch an einen anderen Künstler, weil sie sich schämte, ihren Namen unter das Lied zu setzen. Trotz des Porno-Forrós ging der Abstieg des Forró immer weiter, bis in den 1990er Jahren die Radios praktisch kein Forró mehr spielten. Die versteckten Bezüge auf Sexualität wandelten sich dann um die Jahrtausendwende und sind heute das  Hauptthema vieler populärer Songs des „Forró Eletrônico“. Emblematisch für diese Musikrichtung ist die Bühnenshow der sehr erfolgreichen Gruppe „Aviões Do Forró“. Sie besteht praktisch nur aus dem Sänger Solange Almeida, der mit einer austauschbaren Band im Hintergrund und acht halb-nackten Tänzerinnen seine Show bestreitet.

Forró Universitário
Anfang der 1990er Jahre begann eine Gruppe Studierender an der USP (Universidade de São Paulo) den Absturz des „Forró pé-de-serra“ zu stoppen. Sie organisierten Feste, zu denen sie traditionelle Forró Bands, wie zum Beispiel das Trio Virgulino, einluden. Die Musik des „Forró Universitário“ grenzt sich dabei explizit gegen den populären „Forró Eletrônico“ ab. Beim „Forró Universitário“ erweiterten die Studierenden den rudimentären Tanz der Forró-Feste aus dem Nordosten durch Elemente aus vielen populären Tänzen wie „Samba de Gafiera“  (Salonsamba), „Coco“ oder „Rockabilly“.
Die Rückbesinnung auf den „Forró pé-de-serra“ und die Diversifizierung des Tanzes brachte viele neue Bands wie Falamansa, Circuladô de Fulô,Rastapé, Estakazero oder Bicho de Pé hervor. Eine lebhafte Szene pilgert seitdem jedes Jahr zu Festivals wie dem Festival Nacional Forró de Itaunas an der Küste von Espírito Santo oder dem Rootstock Festival im Bundesstaat São Paulo.
Obwohl sich die „Forró Universitário“ Szene redlich bemüht, sich vom „Forró Eletrônico“ abzugrenzen, gibt es zum Beispiel in Rio de Janeiro noch immer das Vorurteil, dass Forró Partys eigentlich nur von Männern besucht werden, die eine Frau abschleppen wollen. Diese Vorstellung führt dann leider auch dazu, dass bestimmte Veranstaltungen von Männern frequentiert werden, die auf der Suche nach einer Affäre sind.

Forró in Europa
Nach Europa gelangte der „Forró Universitário“ vor allem über die bereits bestehenden Capoeira Netzwerke. Dort fanden junge Exil-Brasilianer*innen sich mit Capoeira begeisterten Europäer*innen zusammen und tanzten Forró bei ihren Abendveranstaltungen. Auch als im Oktober 2006 die erste Brasil Party in Stuttgart stattfand kamen viele der Organisator*innen aus dem Umfeld der Capoeira Gruppe. Bei den Brasil Partys wurde neben Forró auch andere populäre Musikstile wie Axé und Funk gespielt. Allerdings gab es bei jeder Party einen Forró-Schnupperkurs. So wurde der Grundstein für dieForró de Domingo Partys gelegt, die noch heute jeden Sonntag in Stuttgart stattfinden.
Aus den Partys am Sonntagabend entstand schnell das Bedürfnis nach tiefer gehenden Tanzkursen, die an zusätzlichen Terminen unter der Woche stattfanden. Als Konsequenz daraus wurde im April 2008 das erste Forró-Festival in Stuttgart organisiert, welches das erste seiner Art in Deutschland und wahrscheinlich auch in Europa war. Mittlerweile gibt es an fast jedem Wochenende ein Festival in Europa. An diesen Festivals gibt es immer Live-Musik und Tanzworkshops – oftmals ergänzt durch Vorträge, Musikworkshops oder Filmvorführungen. Die größeren Festivals bringen knapp tausend Teilnehmer*innen aus ganz Europa zusammen.

Die heutige Forró-Szene in Europa ist, von den Tanzlehrer*innen, über die DJs, hin zu den Musiker*innen, männlich dominiert. Bei der Produktion von Forró Events gibt es mittlerweile einige weibliche Produzentinnen und auch bei den Tanzlehrerinnen bewegt es sich langsam.
Bisher unterrichten außer der Tanz-Koryphäe Juliana Braga, die in Amsterdam schon seit Jahrzehnten Forró und Samba de Gafiera unterrichtet, fast ausschließlich männliche Tanzlehrer. Frauen unterrichten in der Regel immer nur gemeinsam mit einem Mann. Für viele Forrozeir@s ist das eine logische Konsequenz aus der Tatsache, dass in der Regel der Mann den Tanz führt und er deshalb anscheinend besser geeignet ist, einen Kurs zu geben. Deshalb richten sich die Workshops oftmals nur an führende Tänzer und ignorieren die Bedürfnisse der Tänzerinnen bzw. Geführtwerdenden weitestgehend. Diesen Missstand klagen Tanzlehrerinnen wie Camila Alves regelmäßig an, so dass die Forró Szene ihre internen Geschlechterrollen langsam überdenkt und versucht, auch weibliche Tanzlehrerinnen zu Festivals einzuladen.

Ein viel diskutiertes Thema innerhalb des Forró ist auch die Rollenverteilung beim Tanzen selbst. Einige Gruppen betonen bewusst die Rollen als Führende und Geführte und vermeiden die explizite Zuordnung von biologischem Geschlechtern. Bei den Partys und Festivals kommt es häufig vor, dass mehr Frauen als Männer anwesend sind. Um die Wartezeit zu verkürzen bzw. das Ungleichgewicht in der traditionelle Rollenverteilung auszugleichen, tanzen nicht selten Frauen mit Frauen. Einige finden auch gefallen an der Rolle der Führenden und bleiben für die Mehrheit ihrer Tänze dabei.
Auch in Kursen nehmen Frauen immer häufiger die Rolle der Führenden ein. Noch immer kommt es dabei zu Missverständnissen, bei denen Frauen in die Rolle der Geführten gedrängt werden, weil Männer denken, dass die Frauen nur als Führende tanzen, um auszuhelfen. Sie verstehen nicht gleich, dass es teilweise eine bewusste Entscheidung der Frauen ist, als Führende zu tanzen. Die bestehenden Dominanzverhältnisse in der Gruppe führen dabei oftmals dazu, dass die Frauen ihre Bedürfnisse nicht artikulieren können und sich in die Rolle der Folgenden fügen.

Anfang März provozierte ein Post von Enrique Matos eine Diskussion in den sozialen Medien. Er zitierte einen Liedtext von Luiz Gonzaga: „Morro dizendo que não quero não aceito e não tolero dança de homem com homem…“ (“Ich sterbe mit der Meinung, das ich es nicht aktzeptieren kann, dass Männer mit Männern tanzen…”).
Obwohl die meisten Kommentare die Aussage des Liedtextes nicht unterstützten, zeigt die Debatte, dass es weitaus weniger akzeptiert ist, wenn Männer mit Männern tanzen als wenn Frauen mit Frauen tanzen. Ein weiterer Ausdruck einer latenten Homophobie auch in der auf den ersten Blick so liberalen Forró-Szene Europas.
Anders als in den Standardtänzen, gibt es im Forró keine einheitlichen Bezeichnungen für Figuren oder Bewegungen. Je nachdem, aus welcher Region die Tänzer*innen kommen und von wem sie gelernt haben, unterscheiden sich die Bewegungsabläufe, Stilrichtungen und Bezeichnungen. Das führt schon einmal zu Diskussionen innerhalb der Szene über die Identität des Tanzes und die Art der Musik, die gespielt werden darf. Terra Pasqualini, einer der Gründer von Forró de Domingo beschreibt seinen persönlichen Ansatz wie folgt:
Anfangs hatte ich immer Bedenken: Was machen die da für Bewegungen oder was spielen sie da für Musik? Das ist doch nicht das richtige… Heutzutage denke ich mir: soll mir alles recht sein – Hauptsache die Leute haben Spaß! Was ich für sinnvoll halte, vermittle ich, sobald ich gefragt werde – wenn die Leute was anderes machen wollen, können sie das gerne tun. ∎

* Fabian Kern ist Radiojournalist, Aktives Mitglied von Forrózin Freiburgund arbeitet seit August 2014 bei KoBra e.V. in der Geschäftsstelle.

** Dieser Artikel erschien in dem Brasilicum #241 | Nós somos um caleidoscópio – Kultur und Widerstand in Brasilien

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